Teilnehmergruppe aus MV und Hamburg
Norddeutscher Journalistentag unterm Expo-Dach
Dienstag, 22. September 2009
Ein Event mit echtem Nutzwert: Der 2. Norddeutsche Journalistentag am Samstag, 19. September, auf dem Expo-Messegelände in Hannover. Nach dem erfolgreichen Hamburger Auftakt hatte diesmal der Deutsche Journalistenverband (DJV), Landesverband Niedersachsen, den Hut auf. Er trommelte die Landesverbände Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in zwei Expo-Pavillons der Deutschen Messe AG zusammen. In diesen lichten Bauten und auf dem „Marktplatz“ konnten die etwa 300 angereiste Journalisten im wahrsten Sinne des Wortes „abfahren“ zum Fachsimpeln. Dazu passte auch das Rahmenprogramm der Unternehmen und der Verbände: Manövrieren durch ein ADAC-Hindernisparcours, DKV-Infos zu den Rahmentarifen, DJV Bildportal, Textvermarktung für Freie, Presseinfos im Internet und vieles andere mehr. Und das alles in den fünf Foren-Pausen, zwischen den Pavillons 33 und 34 pendelnd, dann noch die Empore rauf und runter. So geistig und körperlich gefordert, machte es ein Wonnegefühl, frische Energie am Imbissstand aufzutanken und sich mit anderen auszutauschen.
Auf Kosten der Qualität
Klar, unterm Expo-2000-Dach zu tagen, ist was Besonderes. Verbreitete doch diese erfolgreiche Weltausstellung vor neun Jahren unter dem Motto „Mensch, Natur und Technik - Eine neue Welt entsteht“ einiges an Zuversicht. Allerdings steckt heute die Welt in einer tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch Verleger klagen. Sie sparen ausgerechnet dort, wo die journalistische Arbeit gemacht wird, in den Redaktionen und bei den Freien. Das geht auf Kosten der Qualität, so der Tenor. Dabei stellte der IMPULS zum Auftaktthema „Erfolg mit Qualität - Erfolg trotz Qualität?“ eindringlich klar, ohne journalistische Qualitätsansprüche würde ein wichtiges Instrument der Demokratie, das Grundrecht auf Informations- und Meinungsfreiheit, nicht mehr funktionieren. Für Bascha Mika (55), die im Juli 2009 die taz nach 21 Jahren, davon elf Jahre als Chefredakteurin, verlassen hat, steht auch fest: „Erlöse durch journalistische Qualität“ einspielen, statt zu fragen, „wie finanziere ich guten Journalismus“. Es müsse selbstverständlich sein, dass die Verleger ihren gesellschaftlichen Auftrag ernst nehmen und „auch ihren Anspruch öffentlich darlegen“, so Bascha Mika. Dazu fällt mir die Sicht des Karikaturisten Götz Wiedenroth ein, der kürzlich sagte: „Alle schreiben inzwischen dasselbe!“ Es fehle den Redaktionen inzwischen an geistigem Spielraum, um unbequeme Themen auf unbequeme Weise zu behandeln. Statt journalistisch gegen den Strich zu bürsten mache sich der Mehltau der politischen Korrektheit breit. An seiner Äußerung ist was dran. Hinzukommt: Zeit für eine unabhängige Recherche ist kaum noch vorhanden.
Rürup: Ökonomen sind keine Propheten
Auf reges Interesse stieß das Forum Wirtschaft. Der DJV Niedersachsen wollte wissen: „Haben die Wirtschaftsjournalisten ihren Teil zur Wirtschaftskrise beigetragen, indem sie die Entwicklungen der Finanzmärkte kritiklos hinnahmen?“ Der im Podium sitzende Ex-Chef der Wirtschaftsweisen, Professor Bert Rürup, sprach von einem „ganzen Bündel“ an Ursachen: Die Gier nach hohen Renditen, der Rückzug der staatlichen Kontrolle ... Die Regierung in Amerika stellte er an den Pranger, die sich weigerte, die Bank Lehmann Brothers vor dem Konkurs zu retten. Zugleich räumte er ein gewisses Versagen der Finanzexperten zu ihren Prognosen ein. Aber: Ökonomen seien keine Propheten. Rürup legte noch einen Zahn zu: „Wenn Sie einen Finger in eine Kreissäge halten, können Sie ja auch nicht sagen welcher Zahn Sie geschnitten hat, und ganz ähnlich verhält es sich mit den Ursachen dieser Krise.“ Auch das sagte er: „Bei jeder Blase ist es so, dass man sie erst erkennt, wenn sie platzt.“ Solche „Sachverhalte“ zu vermitteln, fällt schwer. Unter einer Blase wirken doch Kräfte. Nur welche? Journalisten, die die Aufgabe haben, auch solche bedeutsamen Vorgänge öffentlich zu machen, laufen zunehmend gegen eine Mauer aus Schweigen und Nichtwissen. Um sie zu überwinden, benötigen sie eine tüchtige Portion Skepsis, Mut, Fachwissen und eine zweite, unabhängige Meinung. Und einen Verleger, der das auch noch veröffentlicht. Eigentlich ein Chance für Freie.
Das Werben ist keine journalistische Aufgabe
Im Forum Objektivität „Anzeigen gegen Inhalt? Journalisten zwischen Marktmacht und Unabhängigkeit“ kritisierte Hartwig von Saß die „Gedankenlosigkeit“ in den redaktionellen Abläufen. Eine Grauzone sei der Umgang mit Pressemitteilungen. Sie als Nachrichten zu verbreiten, um Werbekunden zu binden, schade der Glaubwürdigkeit des Mediums und des Journalismus. Eckhard Stengel, Mitglied Deutscher Presserat, rügte die Schleichwerbung im Ressort Reisejournalismus. Fazit des Forums: Das Werben darf nicht Aufgabe der Journalisten sein.
Lokales im globalen Web
Als brennend aktuell erwies sich das Thema „Die Renaissance des Regionalen in Onlinemedien“. Einige Portale für lokale Beiträge erscheinen seit Web 2.0 derart aufgemotzt, dass sie empfindlich am Ego eines Nicht-Online-Journalisten kratzen. Auf myheimat.de beispielsweise kann jeder Bürger das berichten, was ihn bewegt: Ob ein Foto vom Stadtfest, ein Spielbericht vom eigenen Verein oder ein Kommentar zur Bundestagswahl. Podiumsgast Peter Taubald, Chefredakteur Madsack Heimatzeitungen, der das Projekt in seiner Region Hannover verfolgt, zählt mit seinen 316 Kommentaren und 104 Kontakten zu den Aktiven. Wohl aus Bescheidenheit nannte er diese Zahlen nicht, sie lassen sich aber im Portal aufrufen. Fazit: „myheimat“ verbindet die Menschen der Region, von A wie Aichach, über B wie Berlin und H wie Hannover, bis hin zu Z wie Zusmarshausen. Nicht nur das, Journalisten und Bürgerreporter ergänzen sich. Lokale Nachrichten aus ganz Deutschland, so bunt und vielfältig, ein echter Erfahrungsschatz über den Tellerrand. Die angeschlossenen Partner-Zeitungen scheinen davon zu profitieren.
Freie bündeln Kräfte
Apropos Krise, die mediale. Strategien dagegen präsentierte das Forum FREIE. Eine Antwort lautet: Kräfte bündeln. Dazu zählt zum Beispiel „Plan 17“, ein Verbund von 17 erprobten Journalisten, die aus einem Lehrgang der Hamburger Henri-Nannen-Schule hervorgegangen sind. Sie machen: „Schlagzeilen und Bildunterschriften, Reportagen und Beilagen.“ Sie schreiben couragiert: „Über Biowaffen und Ochsenfroschsex, über Haushaltslöcher und Schokohasen,“ heißt es einladend und spannend zugleich auf ihrer Website www.plan17.de Und sie sind: „Pünktlich und auf den Punkt.“ Für wen die Plan 17-Autoren schreiben, hört sich so an: „Unter anderem für Stern, Neon, Spiegel, Geo, Geo Saison, Brigitte, Merian, Mare, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Financial Times Deutschland und Tagesspiegel.“ Schon irgendwie echt wow abgefahren!
Fotojournalismus
Das Forum FOTO machte deutlich, dass die digitale Bilderflut nicht unbedingt das Handwerk eines gestandenen Fotografen lahm legen muss. Entscheidend sind Aufnahmen, die sich aus der Masse abheben. Das A und O sind Qualität und ein persönlicher Stil. Es gehe aber nicht an, so ein Hinweis aus dem Podium, dass ein Reporter alles macht: Interview, Text, Foto und sogar Filmkamera. Es gibt nur noch wenige, die fest angestellt sind. Gekürzte Honorare sind die Regel. Wer zu den renommierten Freien zählt und vor allem seine Honorare über die Nachrichtenagenturen bezieht, scheint weniger von dem Abwärtstrend betroffen zu sein.
Der Norddeutsche Journalistentag 2009: rund um gelungen.
Text und Fotos ©: Roland Hartig
E-MAIL: roland@foto-hartig.de
Im Zentrum der Veranstaltung am 19. September 2009 auf dem Expo-Gelände standen unter anderem diese Themen: Journalistische Qualität; Finanz- und Wirtschaftskrise; Crossmedia und die digitale Evolution; Objektivität in der Berichterstattung; Lokales im Focus von Print, Online und TV; Netzwerke und Strategien der Freien Journalisten; Sport- und Fotojournalismus. Fotos:
© Roland Hartig
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